Ekelhaft Gesund

Medizinische Behandlung mit Blutegeln und Maden

Stand der Forschung

Krankenhaus Essen
Blutegelanwendungen bei Kniegelenksarthrose - Studie von Dr. Michalsen

In Deutschland leidet jeder Fünfte über 65 an Kniegelenksarthrose. Heilung gibt es nur selten. In den meisten Fällen bleibt nur eine Dauertherapie mit Schmerzmitteln. Am Klinikum Essen-Mitte ist der Mediziner Andreas Michalsen der schmerzstillenden Wirkung von Egeln auf der Spur. Seine Studie über Blutegelanwendungen bei Kniegelenksarthrose sorgte weltweit für Furore.

 

Egeltherapie kurz nach Operation

Bei der Studie setzte er 400 Patienten Egel ans Knie. Bei 80 Prozent der Kranken kam es zu einer deutlichen Schmerzlinderung und zu einer überraschenden Steigerung der Beweglichkeit. „Wir haben beeindruckende schmerzlindernde Effekte festgestellt: Schon nach einmaligem Anlegen der Egel gingen die Schmerzen deutlich zurück. Die Menschen konnten wieder besser laufen, leichter ins Auto einsteigen und vor allem Treppen steigen, was für viele Kniearthrosepatienten ein Problem ist.

 

Trotz einmaliger Therapie blieb dieser Effekt bei der Mehrzahl der Patienten über einen längeren Zeitraum bestehen. Damit sind die Tiere allen uns bisher bekannten Verfahren zur Schmerz- und Entzündungslinderung überlegen. Die Wirkung der Blutegel reicht weit über das, was man von Akupunktur oder auch schmerzstillenden Medikamenten her kennt, hinaus“, sagt Andreas Michalsen.

 

In einer vergleichenden Untersuchung stellte der Mediziner die Egeltherapie einer klassischen Behandlung mit schmerzstillender Salbe gegenüber. Dabei erhielt die eine Hälfte der Patienten eine einmalige lokale Behandlung mit vier bis sechs Blutegeln, die andere Hälfte eine 28-tägige Therapie mit einer Salbe, die das klassische Schmerzmittel Diclofenac enthielt. Das Ergebnis: Bereits sieben Tage nach Studienbeginn fühlten sich die mit Blutegeln behandelten Patienten deutlich fitter und beweglicher als die der Kontrollgruppe. Die Gelenkfunktion und die Gesamtsymptomatik war bei der Naturtherapie sogar über den gesamten Beobachtungszeitraum von 91 Tagen überlegen.

 

„Bei etwa einem Fünftel der Patienten war die Blutegeltherapie zwar wirkungslos, aber bei den übrigen die Schmerzlinderung dafür besonders deutlich“, betont Michalsen. Für welchen Patienten die Therapie wirklich von nutzen ist, lässt sich bisher nicht vorhersagen. Der Erfolg jedenfalls hängt nicht von der Einstellung des Patienten zur Behandlung ab. Auch bei Abneigung gegen die kleinen Vampire kann die Therapie sehr wirksam sein. Aufgrund der Behandlungserfolge haben der Naturheilkundler und seine Kollegen die Egel auch gegen Daumenarthrose und Tennisellenbogen eingesetzt. Auch dabei war die Wirkung sehr überzeugend.

Universität von Connecticut
Der Biologe Jörg Graf untersucht Bakterien im Magen von Blutegeln

Viele Patienten leiden heutzutage an einer Immunschwäche. Deswegen ist es für Ärzte wichtig, zu wissen welche Bakterien im Blutegel angesiedelt sind, bevor sie sich für die Anwendung einer Blutegeltherapie entscheiden. Auch um gegebenenfalls ein Antibiotikum einsetzen zu können, das einer Infektion vorbeugt. Wie alle Lebewesen sind Egel nicht steril, sondern von Bakterien besiedelt. Und werden Blutegel beim Abstreifen gequetscht, kann es passieren, dass sie in die frische Wunde hinein erbrechen. Das kann Infektionen verursachen. Je mehr die Egeltherapie angewendet wird, desto wichtiger werden Studien, die sich mit dem Mageninhalt des Egels beschäftigen.

 

Junge Egel beim Schlüpfen

Bisher wurde angenommen, dass sich ausschließlich das Bakterium Aeromonas im Magen des Egels befindet, doch neuere Studien weisen auf eine reichere Bakterinbesiedlung hin. Joerg Graf, ein deutscher Biologe, der an der Universität von Connecticut forscht, beschäftigt sich schon seit Jahren intensive mit Blutegeln. Seinem Team ist es gelungen, ein weiteres Bakterium nachzuweisen und zu züchten. Das neue Bakterium ist anerob und lässt sich nur in sauerstofffreien Kammern vermehren.

 

Green Lane Hospital
Können Wirkstoffe im Blutegelspeichel vor Herzinfarkt schützen?

Ist die Blutversorgung zum Herzen blockiert, kann schnell ein Herzanfall ausgelöst werden. Wird dieser nicht rechtzeitig behandelt, kann es zu einer Sauerstoffunterversorgung und schließlich zum Absterben der Herzmuskelzellen führen. Herzanfall-Patienten werden daher routinemäßig mit Blutverdünnungsmitteln wie Aspirin oder Heparin behandelt. Die Gefahr eines erneuten Herzinfarkts kann damit jedoch nicht ausgeschlossen werden.

 

Egel dürfen nicht in den OP-Raum

Mit diesem Problem beschäftigten sich neuseeländische Forscher des Green Lane Hospitals in Auckland. Sie führten eine Reihenuntersuchung durch, um die Wirksamkeit des Medikaments 'Bivaldurin' zu testen.
Das besondere: es handelt sich dabei um eine genetisch veränderte Form des im Blutegelspeichel enthaltenen Enzyms Hirudin. Bivaldurin kann die Blutgerinnung nachhaltig stoppen und so das Risiko eines wiederholten Herzinfarkts um ein Drittel reduzieren. Im Vergleich zu dem herkömmlichen Blutverdünnungsmittel Heparin, erwies sich das aus dem Blutegelspeichel hergestellte Medikament sogar um 30 Prozent wirksamer.

 

Die Studie basiert auf Untersuchungen an 17.000 Patienten. Dabei wurde ein Teil der Patienten nach einem Herzanfall mit Heparin, der andere Teil mit Bivaldurin behandelt. Untersucht wurde, wie groß der Anteil der Patienten mit erneutem späteren Infarkt war.

 

„Bei 1000 Patienten, die innerhalb von 30 Tagen nach einem Herzanfall Bivaldurin verabreicht bekommen hatten, wurden wesentlich weniger folgende Anfälle registriert als bei den mit Heparin behandelten Patienten“, erklärt der Studienleiter Harvey White vom Green Lane Hospital.